Der Unterricht des Erdkunde Leistungskurses am „Städtischen“ fand vergangenen Freitag nicht im Klassenraum, sondern in einem Kuhstall statt. Das Lehrbuch wich einem landwirtschaftlichen Betrieb. Unterricht zum Anfassen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Zuvor behandelte der Leistungskurs von Herrn Pfahler im Rahmen des Unterrichts das Thema „Landwirtschaftliche Strukturen in verschiedenen Klima- und Entwicklungszonen“. Dabei erarbeiteten die jungen Geographen unter anderem, wie sich die Strukturen in der deutschen Landwirtschaft in den vergangenen 60 Jahren entwickelten. Einsetzende Mechanisierung, Spezialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft sind dabei zentrale Begriffe und Prozesse, die die Schülerinnen und Schülern anhand von Raumbeispielen auf dem Papier analysierten und definierten. Herr Pfahler erkannte in diesem thematischen Kontext Potenzial, das erlernte Wissen von der Theorie in die Praxis zu transferieren, zumal auch ein Schüler seines Leistungskurses selbst in der Landwirtschaft tätig ist. So entwickelten die Schülerinnen und Schüler in Vorbereitung auf die anstehende Exkursion Expertenfragen, die sie vor Ort stellen wollten, um mehr über den landwirtschaftlichen Betrieb sowie über den Schwerpunkt der Milchviehwirtschaft in Erfahrung zu bringen.

Am Tag der Exkursion erreichte der Erdkunde-Kurs nach einer halbstündigen Anreise den Betrieb der Familie Scheu in Buchenau. Sebastian Scheu wechselte mit Ankunft auf dem Betrieb seine Rolle vom Leistungskursschüler zum fachkundigen Experten für Landwirtschaft und führte die interessierte Gruppe über den Hof. Seine Führung ermöglichte Einblicke in die Arbeit eines Landwirten in der Milchviehwirtschaft vom Anbau des Futter über die Aufzucht der Kälber bis hin zum Melken und Verkauf der Milch. Währenddessen hörten seine Mitschüler ihm aufmerksam zu und protokollierten die von Herrn Scheu referierten Strukturdaten zum Betrieb sowie seine Veränderungen im Laufe der letzten 50 Jahren und stellten die im Unterricht vorbereiteten Expertenfragen. Sie konnten so in Erfahrung bringen, dass die Zahl der Milchkühe auf dem Hof Scheu in den vergangenen Jahrzehnten von 8 auf über 100 angestiegen ist und somit eine klare Spezialisierung auf Milchviehhaltung vollzogen wurde. Auch auf durchaus kritische Fragen, etwa zu möglichen Diskrepanzen zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit, konnte Sebastian fachkundig antworten. Dabei wurde schnell deutlich, dass eine Milchkuh auf dem heimischen Hof mehr als nur ein Nutztier ist und viel Wert auf das Wohlergehen eines Tieres gelegt wird. So ist das Durchschnittsalter der Milchkühe, die im übrigen alle mit Namen angesprochen werden, mit ca. sechs Jahren etwa doppelt so hoch wie der hessische Durchschnitt.

Im Anschluss an die Betriebsführung erwartete Frau Scheu die Besuchergruppe mit einer warmen, selbstgekochten Gulaschsuppe. Das Besondere daran war nicht nur der vorzügliche Geschmack, sondern auch, dass die Suppe mit hofeigenem Rindfleisch zubereitet wurde. Allen Teilnehmern der Exkursion wurde so eindringlich bewusst, dass für den alltäglichen Fleischkonsum Tiere ihr Leben lassen müssen – ein Aspekt, der bei dem täglichen Überangebot an Fleisch im Supermarktregal schnell mal in Vergessenheit gerät.

Bevor die Geographen des Städtischen Gymnasiums die Heimreise antraten, wurden noch Milch- und Kakaogetränke mit hofeigener Milch zur Verköstigung verteilt.

Auf dem Rückweg waren sich alle Exkursionsteilnehmer schnell einig: es war eine interessante sowie abwechslungs- und lehrreiche Exkursion, die zu einem vertiefenden Verständnis der Strukturen und Prozesse in der deutschen Landwirtschaft beitragen konnte.